{"id":2157,"date":"2023-06-20T09:26:43","date_gmt":"2023-06-20T07:26:43","guid":{"rendered":"https:\/\/eligo.de\/de\/?p=2157"},"modified":"2024-04-15T15:12:21","modified_gmt":"2024-04-15T13:12:21","slug":"perspektivwechsel-wenn-die-interview-expertin-selbst-interviewt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eligo.de\/de\/2023\/06\/perspektivwechsel-wenn-die-interview-expertin-selbst-interviewt-wird\/","title":{"rendered":"Perspektivwechsel: Wenn die Interview-Expertin selbst interviewt wird"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben mit unserer Managing Consultant Maren Hiltmann \u00fcber das neue Buch \u201eEignungsdiagnostische Interviews\u201c gesprochen, das sie zusammen mit Prof. Susanne Schulte herausgegeben hat. Von notwendigen Vorarbeiten zur Durchf\u00fchrung und anschlie\u00dfenden Interviewauswertung, \u00fcber Digitalisierung hin zum Impression Management \u2013 unsere Themen waren bunt.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die Idee entstanden, ein Buch zu eignungsdiagnostischen Interviews zu verfassen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Maren Hiltmann<\/strong>: Seit mehreren Jahren bin ich Mitglied der Arbeitsgruppe \u201eInterview Standards\u201c im Forum Assessment e.V. Die Mitglieder sind aktiv im Wissensaustausch rund um Fragen zu \u201eAssessment, Learning and Development\u201c. Die Standards des Vereins, die Orientierung f\u00fcr eine hohe Qualit\u00e4t von Assessment Centern, Interviews etc. bieten, sind vielen bekannt. In 2021 haben wir die Interview Standards grundlegend aktualisiert und \u00fcberarbeitet.<\/p>\n<p>Wir hatten in der Projektgruppe dar\u00fcber hinaus aber noch viel Futter f\u00fcr Erkl\u00e4rungen zu Hintergr\u00fcnden und Ideen f\u00fcr praktische Tipps. Wir wollten au\u00dferdem relevante Bez\u00fcge aufzeigen, z. B. zur Digitalisierung. So kam die Idee auf, unser Wissen zug\u00e4nglich zu machen. Und das haben wir auch geschafft \u2013 in \u00fcber 600 Seiten und in Zusammenarbeit mit vielen Expert*innen aus Praxis, Beratung und Wissenschaft. Ich finde, es ist uns wirklich gelungen, die neuesten Erkenntnisse so konkret zu machen, dass alle Praktizierenden diese gut anwenden k\u00f6nnen. F\u00fcr mich ist das Buch wie eine Schatzkiste, in der man einzelne Hebel findet, mit denen man die Qualit\u00e4t von Interviews in der Personalarbeit und deren Einbettung St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck verbessern kann. Es ist an alles gedacht \u2013 sogar an rechtliche Hinweise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Laut Interviewstandards ist der Interviewprozess mehrstufig: Auftragskl\u00e4rung, Anforderungsanalyse, Interviewkonzept usw. Kann ich nicht einfach so ein Interview f\u00fchren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Maren Hiltmann<\/strong>: Wenn ich m\u00f6glichst treffsichere Personalentscheidungen anstrebe und die Zeit der Beteiligten optimal nutzen will, sollte ich zielgerichteter vorgehen. Ein eignungsdiagnostisches Interview ist kein Selbstzweck, sondern dient der Beantwortung einer Frage \u201eIst jemand f\u00fcr eine bestimmte Stelle oder einen Karriereweg geeignet?\u201c Ohne die Kl\u00e4rung, was und in welchem Grad jemand an Wissen, K\u00f6nnen und Wollen mitbringt, kann kein zielgerichteter Abgleich erfolgen. Die Aussagekraft steigt nachweislich, wenn Form und Fragen f\u00fcr das Interview auf einer systematischen Anforderungsanalyse basieren. Der Zugewinn an Aussagekraft rechnet sich schnell.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interviews werden heute oft online durchgef\u00fchrt, fr\u00fcher waren Face-to-Face-Gespr\u00e4che die Norm. Kann man diese zwei Interviewformate gleichstellen, oder verliert man an Aussagekraft und Qualit\u00e4t bei digital durchgef\u00fchrten Interviews?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Maren Hiltmann<\/strong>: Das ist eine ganz spannende Frage, in der gerade wissenschaftlich viel passiert. Die kurze Antwort ist nein, man kann sie nicht eins zu eins gleichsetzen. Rein praktisch bedeutet es, bei digitalen Interviews ein paar Anpassungen vorzunehmen, damit es m\u00f6glichst gut klappt \u2013 zum Beispiel einen Technik-Check vorab. Nach bisheriger Erkenntnis ist vor allem wichtig, dass man die Formate nicht mischt, also f\u00fcr eine Stelle entweder alles online oder alles in Pr\u00e4senz durchf\u00fchrt. In \u201eEignungsdiagnostische Interviews\u201c gehen Johannes Basch und Klaus Melchers in ihrem Kapitel \u201eInterviews per Telefon, Videokonferenz oder Videoaufzeichnung \u2013 inwiefern macht dies einen Unterschied?\u201c dazu auf viele weitere Details ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es gibt ein eigenes Kapitel zur Protokollierung und Dokumentation. Ist es f\u00fcr die Interviewten in Ordnung, wenn die interviewende Person vor Ort mitschreibt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Maren Hiltmann<\/strong>: Vermutlich ist das Empfinden dazu individuell sehr verschieden. Wichtiger erscheint mir die Transparenz zu den Gr\u00fcnden. Wir brauchen Notizen f\u00fcr eine seri\u00f6se Auswertung, sie dienen auch als Basis f\u00fcr ein Feedback. Das den Interviewten zu erkl\u00e4ren erscheint mir sehr wichtig. So haben sie im besten Fall sogar ein gutes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Viele Interviewte wollen sich von ihrer besten Seite zeigen und ihre Pers\u00f6nlichkeit faken. Wie kann man dagegenwirken?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Maren Hiltmann<\/strong>: Bis zu einem gewissen Grad sind das ganz normale Prozesse. In unserem Buch unterscheiden die Autoren Benedikt Bill und Klaus Melchers beispielsweise zielgerichtete L\u00fcgen von \u201eehrlichem\u201c Impression Management, bei dem sich die interviewte Person von der besten Seite zeigt. Vor allem strukturierende Interviewelemente tragen dazu bei, unerw\u00fcnschte Einfl\u00fcsse zu reduzieren. Wie die Autoren empfehlen auch wir bei ELIGO den Ansatz des Methoden-Mixes. Dabei werden weitere Quellen wie Testverfahren oder Arbeitsproben mit Interviews kombiniert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In deinem Kapitel \u201eProtokollierung und Auswertung von Interviews \u2013 Wie Sie zu einem aussagekr\u00e4ftigen Ergebnis kommen und dieses kommunizieren\u201c betonst du, wie wichtig es ist, die Beobachtung und Auswertung der Interviews bewusst zu trennen. Wie kann ich das als interviewende Person sicherstellen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Maren Hiltmann<\/strong>: Wir alle tragen unbewusste Vorurteile und Wahrnehmungsverzerrungen in uns, die wir nie ganz loswerden. Aber wir k\u00f6nnen lernen, welche Vorurteile das sind und was wir tun k\u00f6nnen, damit sie m\u00f6glichst nicht aktiv werden. Vor allem Strukturierungselemente helfen dabei. Eines davon ist ein Interviewleitfaden mit vorab definierten Fragen von guter Qualit\u00e4t. Das erscheint vielen nachvollziehbar. Ein anderes Element, das noch viel zu wenig Anwendung findet, ist die Trennung von Beobachtung und Bewertung bzw. die systematische Auswertung. Zun\u00e4chst werden nur die Antworten bzw. Beobachtungen aufgeschrieben. Erst, wenn das Interview zu Ende ist, bewerten alle Beobachter*innen einzeln f\u00fcr sich die Antworten anhand vorab definierte Anforderungskriterien. Danach folgt die Integration der Bewertungen \u2013 idealerweise \u00fcber eine vorab festgelegte Regel, und der Austausch findet statt. Beim ersten Mal ist es vielleicht ungewohnt, aber es l\u00e4sst sich sehr schnell trainieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ist das nicht \u00fcbertrieben?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt in der Tat ein extremes Ma\u00df an Strukturierung und Standardisierung, bei dem die Interviewqualit\u00e4t nicht mehr steigt und Hinweise vorliegen, dass die Akzeptanz des Formats bei den Teilnehmenden leidet. Aber davon sind die meisten Interviewverfahren weit weg. Elemente an Standardisierung und Strukturierung steigern die Aussagekraft. Das belegen Studien sehr eindeutig. Prof. Uwe Peter Kanning (2019) fasste die Erkenntnisse dazu wie folgt zusammen: \u201eWenn heute in manchen Unternehmen noch diskutiert wird, ob sich die Einf\u00fchrung hochstrukturierter Verfahren lohnt, ist dies ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrden Chirurgen dar\u00fcber diskutieren, ob sie ihre Instrumente vor einer Operation sterilisieren sollten\u201c. Grunds\u00e4tzlich kann man es so formulieren: Strukturierung so viel wie m\u00f6glich, ohne dass sie die Akzeptanz gef\u00e4hrdet. Strukturierung ist keine automatische Absage an eine freundliche, wertsch\u00e4tzende und einladende Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danke Maren f\u00fcr das spannende Interview und deine Impulse f\u00fcr mehr Qualit\u00e4t in der Interviewpraxis.<\/p>\n<p>Noch mehr Einblicke ins Thema finden Sie im Buch \u201eEignungsdiagnostische Interviews: Standards der professionellen Interviewf\u00fchrung\u201c.<\/p>\n<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-658-38720-4?utm_medium=display&amp;utm_source=display\/flyer&amp;utm_campaign=1_GLS_pbn2619&amp;utm_content=autflyer_indiv_gls_productlink_08022021\" class=\"btn btn-green btn-default\">Zum Buch<\/a>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben mit unserer Managing Consultant Maren Hiltmann \u00fcber das neue Buch \u201eEignungsdiagnostische Interviews\u201c gesprochen, das sie zusammen mit Prof. Susanne Schulte herausgegeben hat. 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